Sophia Léonard
Der Falke, der da also singt
30.6.2026
En face de soi, l'homme rencontre la Nature; il a prise sur elle, il tente de se l'approprier. Mais elle ne saurait le combler. Ou bien elle ne se réalise que comme une opposition purement abstraite, elle est obstacle et demeure étrangère; ou bien elle subit passivement le désir de l'homme et se laisse assimiler par lui; il ne la possède qu'en la consommant, c'est-à- dire en la détruisant.[1]
- Simone de Beauvoir -
Bis heute liegt keine widerspruchsfreie Auslegung des Falkenlieds vor, was aber nicht an einem Mangel an Interesse liegt: Kürenbergers Falkenlied war auch im 16. Jahrhundert noch weit verbreitet und wurde bereits in der spätmittelalterlichen Tradition des Falkenlieds immer wieder weiterverarbeitet,[2] sodass man sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei einem weiteren Beitrag zu einem der ersten Falkenlieder im Minnesang überhaupt und zugleich „einzige[m] Beispiel ausgeprägten literarischen Eigenwillens im frühen Mittelalter“[3] für sein Vorhaben entschuldigen musste.[4] Umstritten ist auch die Frage, was ein legitimer Zugang zum Falkenlied sei, also ob der Kürenberger aus einer zeitlich uneingeschränkten Perspektive gelesen werden sollte oder aus einer, die sich einzig aus dem zeitgenössischen Horizont des Kürenbergers erschließt. Wenn ich mich im Folgenden nun erneut diesem Falkenlied zuwende, dann möchte ich mich dabei nicht nur auf die mediävistische Forschung beziehen, sondern das Falkenlied insbesondere vor dem Hintergrund von Jacques Derridas Text zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier, L’animal que donc je suis, betrachten.[5]
Als Falkenlied gelten traditionell die Strophen sechs und sieben des Kürenbergers aus Minnesangs Frühling (hinzu kommt je nachdem noch eine dritte Strophe als Abgesang[6]). Das Gedicht soll hier bewusst „rückwärts“ gelesen werden – also der Abgesang zuerst und dann die erste und zweite Strophe.[7] Dadurch kann zunächst auf die Geschlechter-Thematik eingegangen werden, und danach die Deutungsmöglichkeit eines dichterischen Sprechens diskutiert werden.[8]
Der Falke war im Mittelalter ein in Geschlecht und Bedeutung variables Symbol, so kann er ebenso auf eine Frau wie auch auf einen Mann oder im Speziellen auf den Minnesänger verweisen. Anhand der Geschichte vom entfliegenden Falken werden beim Kürenberger zugleich die Geschlechterrollen (im letzten Vers sogar explizit) wie auch die Rolle des Sängers in der mittelalterlichen Gesellschaft (eher implizit) thematisiert. Der Falke symbolisiert aber gleichzeitig auch den Sänger selbst: als Falke in seiner Beziehung zum Mäzen, aber auch zum anderen Geschlecht. Der Versuch der Zähmung kann als Metapher für das Dominanzstreben des Mannes gegenüber der Frau verstanden werden. Im Bild des sich befreienden Falken emanzipiert sich die Frau aus der Position der Klagenden und Leidenden zu einer selbstbewussten und eigenständigen Partnerin, die sich (anders als in der Frauenklage) über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen kann.
Den Titel von Derridas L'animal que donc je suis hat Markus Sedlaczek als „Das Tier, das ich also bin“ übersetzt. Es bedeutet aber zugleich auch „das Tier, dem ich also folge.“ Im weiteren Verlauf des Liedes wird das Folgen, suivre, dann zu poursuivre, zum Verfolgen[9]. Und gerade darin erschließen sich die beiden zentralen Aspekte der Falkenmetapher beim Kürenberger: Der Falke ist einerseits poetologisch als der Sänger zu verstehen, gleichzeitig darf er aber keineswegs auf diese Funktion beschränkt werden.[10] Am Ende bleibt auch der Signifikant, der Falke an und für sich, der nicht unterschlagen werden darf.[11] Signifikant ist bei Derrida das dem Menschen vorbehaltene Gefühl der Nacktheit. Auch im Falkenlied gibt es ein Moment der Nacktheit: Der Sprecher bekleidet das offenbar nackte Tier mit Gold und Seide, um daraufhin sein Entfliegen, sein Ausbrechen aus der Kontrolle des Sprechers, zu beklagen.[12] Indem er seine Bewunderung für das Tier ausdrückt und dessen Abwesenheit bedauert, ist er dem Tier gewissermaßen hinterher, er istaprès l'animal. Bereits im Titel L'animal que donc je suis kündigt sich ein Folgen an, das hier zum Verfolgen wird.
Die Potenzierung der Schönheit durch das Besingen der weiblichen Vorzüge gilt als konstitutives Merkmal der gerade im Entstehen befindlichen hohen minne. In dieser Liebeskonzeption ist eine tatsächliche Erfüllung der Liebe nicht notwendig; im Gegenzug zum Liebesverzicht behalten Sänger(in) und Geliebte(r) ihre Freiheit in der Gesellschaft. Mit der Metapher des Falken wird zudem die vorherrschende Geschlechterkonzeption in Frage gestellt: Während die Trauer über den abwesenden Geliebten dem Typus der frühmittelalterlichen Frauenklage entspricht, befreit sich die Frau in der Falkenmetapher aus der passiven Position der Klagenden.[13] Sie ist es, die der Nähe des Mannes entflieht, nach Freiheit strebt und so zu ihrem angestammten natürlichen Raum, der Natur, zurückfindet. Dem gegenüber steht die Kultur des Mannes, der Goldschmuck und die höfische Tugend der Falkenzähmung. Zum Bereich der Kultur gehört auch die Liebeskunst, die hohe minne, als eine weitere höfische Tugend, ebenfalls dem männlichen Adel vorbehalten. Eine Deutung des Falken als Sänger, der vil hohe fliegt – also besonders kunstvoll singt –, scheint also ebenso mitzuschwingen.
wîp unde vederspil - Die Falkenmetapher beim Kürenberger
Die Parallelisierung von Frau und Falke ist der Grundgedanke der (Schluss-)Strophe wîp unde vederspil, der sogenannten ‚Prahlstrophe‘. Zugleich werden dort aber auch zwei (männlich geprägte) höfische Tugenden parallelisiert, die Falkenzucht und die Liebeskunst.
wîp unde vederspil
diu werdent lîhte zam.
swer si ze rehte lucket,
sô suochent sî den man.
als warb ein schœne ritter
umbe eine vrouwen guot
als ich dar an gedenke,
so stet wol hôhe min muot.
Frauen und Falkenvögel
vertrauen leicht dem,
der sie entsprechend umgarnt,
insofern folgen sie dem Mann.
So warb einmal ein feiner Ritter
um eine edle Dame.
Glück erfüllt mich,
Wenn ich daran denke.
Während der Vergleich der Frau mit einem Tier einerseits als Ausdruck frühhöfischer Frauenverachtung verstanden werden kann – die Frau ist demnach nicht auf der gleichen Entwicklungsstufe wie der Mann –, distanziert sich der Sprecher mit diesem Vergleich zugleich von der sentimentalen Liebesauffassung der Frühzeit: Die Liebe wird entmystifiziert und rationalisiert. Diese Entwicklung in der Liebeskonzeption vom frühen zum hohen Mittelalter gilt in der Forschung als Voraussetzung für den literarischen Frauendienst, die hohe minne.[14]
Eine ähnliche Parallelisierung von Frau und Tier, ähnlich der ‚Prahlstrophe‘ des Kürenberger findet sich in der Dichtungdes fürstlichen Trobadors Wilhelm IX. von Aquitanien, die Rieger aufgrund der zur Selbstironie überspitzten Sexualmetaphorik als „potenzstrotzenden Herrenwitz“[15] bezeichnet. Der Sänger verwendet das alte Bild der zugerittenen Stuten, um in der letzten Strophe zu enthüllen, er spreche in Wirklichkeit nicht über Pferde sondern über Frauen. Die Rolle des Pferdes und damit der Frau ist in diesen Versen eindeutig erotisch motiviert. Während Erfen-Hänisch dem Kürenberger zwar zugesteht, dass er die Analogie zwischen Frau und Tier literarisch geschickter ausführt und die Rolle der Frau beim Vergleich mit dem Falken nicht auf den Aspekt des Erotischen reduziert, konstatiert sie doch eine den beiden Strophen gemeinsame „Trivialität sexuell begründeten Machttriebs“[16]. Was zu der Prahlstrophe noch anzumerken wäre, ist das unterschiedliche Geschlecht der beiden verglichenen Elemente: „le cheval“ ist im Französischen männlich (im Gegensatz zum deutschen Pferd im Neutrum), „la dame“ dagegen weiblich: der Artikel des Substantivs bestimmt in diesem Fall nicht das metaphorische Geschlecht (der Dame).[17]
Und wie die Pferdekennerschaft Wilhelms IX. eine ebenso souveräne Kenntnis der Frauen nahelegt, so suggeriert auch der Kürenberger seinem Leser (beispielsweise durch die Verwendung von Termini der Falknersprache), dass er weiß, wovon er spricht, wenn er von Falken redet: nämlich auch von Frauen.[18] Während die Frauen beim Kürenberger zwar nicht auf ihre erotischen Eigenschaften beschränkt werden, so zähmen die Männer sie doch leicht und mit Kavaliersgeste, Frauen dagegen könnten Männer nicht dauerhaft an sich binden, ebenso wie sie auch unfähig seien, Falken zu zähmen.[19]
Mit dem Falken soll auch die Frau gezähmt werden: Dabei bleibt die Handlung „gleich und hat den präzisen Sinn der Unterwerfung des anderen unter den eigenen Willen. Sie ist Symbol.“[20] Um die im Falkenlied verwendete Metapher der Zähmung und des Entfliegens sowie weitere Fachtermini aus der Falknersprache besser einordnen zu können, wird häufig ein Lehrbuch zum Umgang mit dem Falken zitiert: das Falkenbuch Friedrichs II. De arte venandi cum anibus – allerdings ist auch diese Informationsquelle umstritten, da das Buch erst gute drei Generationen nach dem Kürenberger entstanden ist.[21]
Die zeitgenössischen Stereotypen der Geschlechter werden in der Strophe angedeutet: Der Mann wird in der Literatur des frühen Minnesangs als dominant dargestellt. Von Affekten wird er weniger bewegt, während er souverän das Verhalten der Frau lenkt. Diese erscheint als Trägerin von Gefühlswerten: Sie befürchtet Liebesverlust und Untreue des Mannes, klagt über die Trennung vom Geliebten. Charakteristisch für die Literatur des frühen Minnesangs war die Frauenklage. Hier werden in Frauenstrophen (mit weiblichen Reimen) die Qualitäten des Mannes hervorgehoben. Kasten spricht in diesem Kontext auch von einer „doppelten Moral“[22]: Während das Recht auf sexuelle Freizügigkeit allein beim Mann liegt, wird der dargestellte (Liebes-)Konflikt stets von der Frau ausgetragen. Dabei bot die Rede vom schœnen ritter dem Publikum die Möglichkeit der Identifikation – schließlich darf man davon ausgehen, dass die Strophe vor allem dem ritterlichen Publikum vorgetragen wurde. Es gibt außerdem Vermutungen über einen möglichen Kontakt der frühen Minnesänger mit den Liedern der Trobadors im Verlauf des ersten Kreuzzugs[23], was eventuell auch den Kürenberger betreffen und damit einen Einfluss der Trobadorlyrik in dieser Strophe (und möglicherweise auch dem ganzen Falkenlied) erklären würde.
Ein Beispiel für die Uminterpretation des Falkenlieds findet sich beim Mönch von Salzburg: Der Falke dient in seinem Lied als Symbol für die treulose Geliebte – der Falke steht also auch bei ihm fürs Weibliche, die vom Trappen (als eindeutig männlichem Symbol) gejagt wird.[24] Wenn man von den allgemeinen Verhaltensweisen der Tiere ausgeht, dann findet hier eine Verkehrung der konventionellen Rollen statt: Eigentlich ist der Falke der Jäger. Bennewitz-Behr sieht in diesem Rollentausch eine „Hervorkehrung des Unwahrscheinlichen und Einmaligen des Vorfalls.“[25] Das Ereignis erscheint als eine Art Sonderfall und wird dadurch als umso beachtenswerter eingestuft. Zugleich wird durch den Rollentausch der Falke zum Opfer stilisiert: In dieser metaphorischen Bedeutung ist er kein untreuer Partner sondern einanscheinend genötigter.
Das Verhältnis zwischen Falke und Falkner soll nun mithilfe von Derridas Überlegungen vertieft werden. Mit dem Akt des se rendre à l'animal, indem sich der Mensch zum Tier begibt oder auch dem Tier ergibt (beide Möglichkeiten sind im Französischen angelegt), ist der Mensch dem Tier nicht nur nahe, in einer passage des frontières wird er selbst zum Tier.
"Si je suis cette suite, et tout dans ce que je m'apprête à dire devrait reconduire à la question de ce que 'suivre' ou 'poursuivre' veut dire, et 'être après', et à la question de ce que je fais quand 'je suis', et dis 'je suis', si je suis cette suite, donc, alors je me rends des 'fins de l'homme', donc des confins de l'homme, au 'passage des frontières', entre l'homme et l'animal. À passer les frontières ou les fins de l'homme, je me rends à l'animal: à l'animal en soi, à l'animal en moi et à l'animal en mal de lui-même."[26]
Hiermit schließt Derrida an Nietzsches Begriff des Menschen als „noch unbestimmtes Tier [an], dem es an sich selbst mangelt“[27] oder auch des Mensch als animal prometteur, als ein versprechendes Tier oder als Tier „das versprechen darf.“[28] Dieses Tier wird „herangezüchtet“ durch die Natur:[29] Es braucht den Menschen nicht. Im Hinblick auf das Falkenlied könnte dies ein Argument gegen eine vereinnahmende Falknerei sein, welche dem Tier die Möglichkeit nimmt, seine Kunst im Fliegen und Jagen auf natürliche Art und Weise und in Freiheit zu entwickeln. Das Tier (l'animal) bleibt für den Falkner immer das Andere (l'autre). Weiter zitiert Derrida Montaigne und seine Kritik am Menschen, der sich anmaßt dem Tier Fähigkeiten zu- und abzusprechen und damit „den Tieren, seinen Brüdern und Kameraden, ihr Teil zuschneidert und ihnen das Maß an Fähigkeiten und Kräfte zuweist, das er für richtig hält“[30]. Derrida interessiert sich in diesem Zusammenhang allerdings nicht so sehr für das Tier, l'animal, und inwiefern es die ihm zugesprochenen Fähigkeiten tatsächlich vorweisen kann, sondern vielmehr für die assurance naïve, die naive Sicherheit des Menschen, die ihn glauben lässt, das Verhalten des Tiers interpretieren und über seine Fähigkeiten urteilen zu können.[31] "Car la pensée de l'animal, s'il y en a, revient à la poésie, voilà une thèse, et c'est ce dont la philosophie, par essence, a dû se priver. C'est la différence entre un savoir philosophique et une pensée poétique."[32] Der Mensch mit seiner Anmaßung, die Gedanken und Wünsche des Tiers zu kennen, kann demnach nur scheitern. Denn als poetisches Denken verweigert sich das Denken des Tiers jeglichen rationalen Bemühungen des Menschen.
ich zôch mir einen valken – Wer spricht hier überhaupt?
Einigkeit herrscht in der Forschung vor allem darüber, dass die wîp unde vederspil-Strophe nicht nur realistisch zu deuten sei, dass also der Falke in irgendeiner Form als Metapher fungiert. Hierfür spricht zunächst einmal der Kontext der Liebesthematik. Zudem war die Verwendung des Falken als Metapher für den geliebten Partner - wohlgemerkt geschlechtsneutral - im frühen Minnesang sehr geläufig. Gleichzeitig darf natürlich auch Wapnewsekis Einwand, eine Metapher erfülle zwar symbolische Funktion, gleichzeitig verweise der Signifikant aber auch auf sich selbst, nicht vergessen werden: „Der Falke ist er selber – und nicht er selber.“[33] Schweikle zählt einige Möglichkeiten der Deutung für den Falken auf[34], unter anderem könnte der Falken auch für einen Liebesboten stehen (und wäre damit möglicherweise zugleich ein Symbol für die Sehnsucht der Liebenden); oder aber er symbolisiert einen Ritter, das schône vliegen wäre dann mit einer Meisterschaft in der ars amandi, der Liebeskunst, gleichzusetzen[35].
Der Sprecher scheint sich einzig durch seine Beziehung zum Falken zu definieren. Das Tier ist sein einziger Bezugspunkt, von anderen Menschen ist hier nicht die Rede. Natürlich muss bei der Annäherung an die Falkenmetapher die zeitgenössische Bedeutung des Tiers beachtet werden. Eine Interpretation des Symbol allein mit der heutigen Konnotation und den heutigen gesellschaftlichen Konventionen würde unweigerlich zu einer Fehlinterpretation führen. Die Unterstellung eines modernen Eifersuchtsdramas wirkt vor diesem Hintergrund modern psychologisierend;[36] außer Jansen gehen alle Interpreten von einem Falken als männlichem Symbol für den Geliebten oder Boten aus.

Patricia Detmering, June 2026
Dabei erscheint ein weiblicher Falke sehr plausibel, wenn man Jansens Argumentation weiter folgt: Er führt zahlreiche zeitgenössische Beispiele an, bei denen der Falken für eine junge Dame steht.[37] Als weiteres Argument für eine weibliche metaphorische Bedeutung des Falken bemüht Jansen Dancus Rex. Guillelmus Falconarius, Gerardus Falconarius, das Werk eines unbekannten Autors am sizilianischen Hof Rogers II. (1095-1154). Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von Rezepten zur Heilung von Falken-Krankheiten. Die Existenz dieses Buchs, das sich einzig diesem Thema widmet, wie auch die Methoden des Umgangs mit dem Falken, verraten einen besonders sorgsamen Umgang mit dem Tier (vor allen anderen Nutz- und Prachttieren). Der Falke erscheint hier als Wunsch- und Ebenbild des Ritters, während der Ritter die Rolle des Beschützers des Falken einnimmt. In erster Linie war er natürlich Pfleger und Halter des Falken, zur besseren Zähmung des Tiers werden allerdings auch Zärtlichkeiten empfohlen - eine Rollenverteilung parallel zum Verhältnis Mann-Frau, der Falke nimmt hier die Stelle einer Partnerin ein.[38]
Ich zôch mir einen valken
mȇre danne ein jâr.
Dô ich in gezamete,
als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere
mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe
und vlouc in anderiu lant.'
Länger als ein Jahr
zähmte ich mir einen Falken.
Als ich ihn soweit
wie ich es wollte gezähmt
und ihm sein Gefieder
mit Gold bekleidet hatte,
erhob er sich sehr weit hoch
und entflog mir.
Die Zeitangabe „mêre danne ein jâr“, so ist man sich einig, kann hier nicht wörtlich gemeint sein, sondern steht einfach für eine lange Zeit.[39] Der Falke zeigt sich zunächst auch willig; schließlich hat ihn der Sprecher irgendwann nach eigenen Angaben soweit gezähmt, „wie [er] es wollte“ und schmückt den Falken, seinen stolzen Besitz, mit Gold. Das kann als Zeichen seiner Zuneigung verstanden werden, mit der Schmückung seines Zuchttiers steigert er aber zugleich auch dessen Wert. Das Verhältnis zwischen Sprecher und Falke ist klar hierarchisch strukturiert: In der ersten Zeile ist zunächst nur von den Besitz des Falken die Rede. In der zweiten Zeile gewinnen das bloße Aufziehen, Füttern oder der Besitz den Sinn einer völligen Unterwerfung.[40] Ein Ausbrechen aus der Kontrolle des Mannes steht dem frühen mittelalterlichen Frauenbild entgegen, das noch stark von Stereotypen geprägt war.
In räumlicher und zeitlicher Nachbarschaft des Kürenbergers befinden sich aber noch andere freiheitsliebende Frauen in der Literatur, wie beispielsweise in Ez stuout ein frouwe alleine. Hier wird eine Dame einsam in der Natur stehend porträtiert, ins Weite blickend und ihren Geliebten erwartend. Ittenbach spricht hier von einer „sprechenden Gebärde mit festliegendem typischen Sinn:[41] Diese Dame entspricht dem Frauenbild des frühen Minnesangs und der Frauenklage. Dem Bild der einsamen Frau folgt dann das Bild des frei dahinfliegenden Falken, der seinen Flug und sein Ziel selbst bestimmt. Beide Bilder werden zusammengeführt, wenn klar wird, dass der freie Flug des Falken als Gleichnis für die eigene freie Entschließung bei der Wahl des Geliebten steht: „alsô han ouch ich getân“. Die innere Haltung der frouwe steht also der Eingangsszene entgegen, welche eine traditionelle Frauenklage erwarten ließ. Wortwiederholungen dienen dem Zusammenhang des Gedichts, sie stellen, durch die Verknüpfung der beiden Bilder miteinander sowie der Bilder mit dem Gemütszustand der frouwe, Sinn her.[42] Das zunächst traditionelle Bild der einsamen Frau bricht mit den Erwartungen des Lesers, indem es von der stolzen, freien selbstherrlichen Wahl des Geliebten berichtet, und hebt sich damit vom typischen Frauenbild des frühen Mittelalters ab. In den letzten Versen wird eine Eifersucht auf schœne frouwenausgedrückt, die nichts gemein hat mit der begründenden und folgernden, deduzierenden Denkweise der späten Minnelieder, hier wird stattdessen die Gemeinschaft der Liebenden gefeiert.[43] Der Rezipient erhält die Informationen über den Geliebten allerdings nur indirekt aus der subjektiven Sicht der Sprecherin. Es wäre vorstellbar, dass diese den Mann in Schutz nimmt und die Schuld für die Untreue den schönen Damen zuschiebt.
Grimminger sieht in ez stuont ein frouwe alleine die Frau und den Falken in Opposition zueinander: Während der Falke frei dahinfliege, verharre die Frau passiv im sehnsuchtsvollen schouwen.[44] Dabei betont der Sprecher die Parallelen zwischen Frau und Falke und setzt diese damit (mindestens in diesem Aspekt und für einen Augenblick lang versuchsweise) gleich: Beide hätten sich in einer freien Entscheidung einen Mann respektive einen Baum ausgesucht, an den sie sich binden wollten: „Dietmar und Kürenberg übertragen also dieselbe Bedeutung auf den fliegenden Falken. Beiden ist er Symbol der Freiheit und beide Male im Gegensatz zur sprechenden Frau, die sich im schouwen auf die Freiheit des anderen sehnsüchtig der eigenen erinnert.“[45] Die Frau erinnert sich hier der eigenen Freiheit, warum also assoziiert Grimminger dann nicht auch bei Kürenbergers Falkenlied die Frau mit dem Falken selbst? Beim Dietmar – oder vielleicht eher Pseudodietmar[46] – vergleicht sich die Frau selbst mit einem Falken. Wäre es da nicht naheliegend, dass dieser anscheinend nicht ungewöhnliche Vergleich von Frau und Falke beim Kürenberger zu einer Metapher verkürzt wurde? Dann wäre also nicht die Frau als Falke das Neue, sondern die Verwendung der Metapher im Minnesang. Die Dame in der Strophe des Pseudodietmar befindet sich einen Schritt weiter als die Sprecherinnen der typischen Frauenklage, indem sie „Empfundenes durch Observation zur Bewußtheit erhebt“[47]: Sie ist fähig, über ihre eigene Situation und ihr Schicksal zu reflektieren.
Er floug in anderiu lant - ein gescheiterter Zähmungsprozess?
Die Vertrautheit zwischen Mensch und Tier wird gebrochen, wenn der Falke sich aus der Dominanz des Menschen befreit. Der Kürenberger verwendet hier Termini der Falknersprache: das „gevidere“ beziehungsweise Gefieder bezeichnet die Gesamtheit der Federn des Beizvogels, der „vuoze“ oder Fuß die Beine, Klauen oder Griffe des Falken.[48]
Sît sach ich den valken
schȏne vliegen,
er vuorte an sînem vuoze
sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere
alrȏt guldîn.
got sende sî zesamene,
die gelieb wellen gerne sîn!
Später sah ich den Falken
kunstvoll fliegen,
Am Fuß trug er
Ketten aus Seide,
und seine Federn waren
ganz rot-gold.
Gott verbinde die,
welche sich (gerne) lieben wollen.
Der Vogel fliegt an dieser Stelle allerdings nicht ins Ausland: In anderiu lant ist hier vielmehr mit „in (die) Freiheit“ zu übersetzen[49] – vielleicht auch zum Anderen als “Land”. Vielzitiert im Zusammenhang mit dem Falkenlied ist auch das Falkenbuch Friedrichs II. Es entstand einige Jahrzehnte nach dem Falkenlied und enthält zahlreiche Anweisungen über Kenntnis, Ernährung, Abrichtung, alle Krankheiten und deren Gründe, Symptome und Heilweisen der Habichte, Falken, Sakerfalken, Sperber, aller sonstigen Raubvögel sowie aller Hunde.[50]
Außer der Pflege beschäftigt sich das Falkenbuch aber auch mit dem allgemein bekannten Problem des Entfliegens und erklärt, „wie ein entflogener Vogel zurückgelockt werden könne.“[51] Indem der Vogel die Reichweite des Sprechers verlässt, wird dieser von der Position des Agens in die des Patiens gezwungen. Der Sprecher befindet sich nun in der Position, die eigentlich als Stereotyp der Frauenklage gilt: Die einsam Klagende über die Abwesenheit des Geliebten. Hiermit werden nicht nur die Geschlechterrollen in Frage gestellt, sondern gleichzeitig auch die Dominanzverhältnisse in der Natur thematisiert: Indem die Geschlechterrollen vertauscht werden, befindet sich der Mann in der Position des in Sehnsucht Wartenden. Sein Warten verliert – da eine Rückkehr des Falken aussichtslos scheint - seine ursprüngliche Bedeutung: es wird zur symbolhaften Geste.
Dieses räumliche Verhältnis zum Tier problematisiert Derrida mit „je suis après l'animal“[52], ich folge dem Tier nach. Das Tier bewegt sich und der Sprecher folgt ihm, geht hinter ihm her. Wenn man hinter einem Tier beziehungsweise hinter ihm her ist, ist man gleichzeitig auch vor ihm, je nach Perspektive: „Weil es vor mir [avant moi] ist, ist es also auch hinter mir. Es umgibt mich.“[53] Man ist also bei ihm, „auprès de l'animal.“[54] Indem man beim Tier ist, ist man ihm zugleich nah, also „près“. Was beim französischen Wort zugleich auch die Assoziation von einem zusammen-gedrängt sein weckt, „être pressé“. Das Mit-Sein erhält hier die Konnotation eines strikt Angebundenseins und einer Unfreiwilligkeit. Das Tier wird verbunden, es wird angekettet. Das Dem-Tier-hinterher-Sein entspricht einem Ihm-nach- beziehungsweise hinterher-Sein im Sinne der Jagd, der Dressur, der Bändigung.[55] Und eben darin könnte die Ursache für das Entfliegen des Falken gegen den Willen des Falkners liegen: Das Tier - oder eher: was der Mensch unter einem Tier versteht - erträgt die Unterwerfung auf Dauer nicht. Das Tier sieht sich nicht imstande, dieses Machtgefälle auszugleichen: Was bleibt, ist die Flucht aus der Reichweite des Menschen, also in die Luft.
Die Tradition der Ausbeutung des Tiers durch den Menschen reicht bis in die Antike zurück: „Cet assujettissement [...], nous pouvons l'appeler violence, fût-ce au sens moralement le plus neutre de ce terme,“[56] schreibt Derrida. Gewalt bezeichnet zunächst nur die Vehemenz, mit der ein Anliegen durchgesetzt wird. Eine andere Frage ist die Intention, mit der dies geschieht, also wessen Interessen durch diesen gewaltsamen Akt durchgesetzt werden sollen. Doch auch die Intention, mit welcher der Mensch Gewalt gegen das Tier anwendet, ist „dans certains cas [...] au service ou pour la protection de l'animal, mais le plus souvent de l'animal humain“[57]. Der Mensch wird durch diesen gewaltsamen Akt zum Tier und verbirgt seine Grausamkeit (vor sich selbst)[58].
Das in den Strophen des Kürenberger beschriebene Wiedersehen mit dem Falken ordnet Grimminger als Unmöglichkeit ein und verortet es in Vergangenheit oder Fantasie: „die bloße Erinnerung an das einstige Glück wird im schouwen auf den geliebten Partner des Glücks zur Szene.“[59] Doch tatsächlich ist es gar nicht unüblich, dass ein Beizvogel nach dem Entfliegen dem gewohnten Revier noch eine Zeit lang treu bleibt.[60] Entfliegen und Wiedersehen des Falken stehen hier also nicht in einem logischen Widerspruch zueinander. Im alrôt guldîn könnte man zunächst eine Steigerung vom rot der ersten Strophe vermuten und auch die sîdînen riemenwurden zuvor nicht erwähnt. Wurde dieser Schmuck also nach dem Entfliegen erst hinzugefügt (von einem potentiellen neuen Besitzer des Falken) oder war der Schmuck schon zuvor vorhanden und dient lediglich als Merkmal zur Wiedererkennung?
Die scheinbare Steigerung von gold zu rotgold erweist sich als unwahrscheinlich: mit golde wol bewant leuchtet am himmel alrôt guldîn, es gäbe also keine Steigerung des Schmuckes durch einen Nebenbuhler, die Natur würde folglich den Falken mit ihren eigenen Mitteln schmücken, beziehungsweise die Schmückung des Sprechers weiter sublimieren. Die Erwähnung des Schmuckes wäre lediglich ein Zeichen der Wiedererkennung. Und auch die sîdînen riemen könnten schon in der ersten Strophe vorhanden, nur eben nicht erwähnt worden sein, weil dies vom zeitgenössischen Hörer implizit mitgedacht wurde. Die Bänder jedenfalls erinnern an eine im Mittelalter gängige Praxis in der Falknerei: Mit ledernen Riemen wurde der Falke als Besitztum gekennzeichnet. Dieses Geschüh war obligatorisch bei der Zähmung, es muss also auch schon in der ersten Strophe vorhanden gewesen sein.[61] Die verwendeten riemen heißen in der heutigen Fachsprache Wurffessel oder Würfel: „zwei etwa handlange und etwa Fingerbreite Lederriemen [...] die am Ende mit einem Ring um die Beine des Falken geschlungen werden; und dort bleiben sie, der Falke mag ruhen oder fliegen.“[62]Das Geschüh hatte in der Falknerei die Funktion eines Erkennungs- und Besitzzeichens: „wie der juristische Besitzstand durch das Wappen am Geschüh ausgedrückt wird, so hier der seelische durch den Seidenschmuck am Geschüh und den Schmuck des Gefieders.“[63]
Trotz großer Bemühungen wurde in den zeitgenössischen Quellen noch kein Beleg für die sîdînen riemen gefunden. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass es sich hierbei um eine seidene Umwicklung des Geschühs handelt, weil sich der Falke bei zusätzlichen Schmuckbändern nur verfangen würde.[64] Außerdem ist kein klares Ziel des Falken beim Entfliegen angegeben. Das stellt dann auch Grimminger fest[65] und zieht daraus dieselbe Konsequenz wie Wapnewski: dass nämlich die Freiheit selbst das Ziel sein könnte und die Existenz eines Nebenbuhlers unwahrscheinlich erscheint: "Da es aber in der zweiten Strophe nicht um den Falken, sondern, wie allein schon das Gebet zeigt, um den subjektiven Wert der Begegnung geht, ist auszuschließen, was bereits aus anderen Gründen ausgeschlossen wurde: die Untreue, das Dreieck, das metaphorische Geheimnis.[66]" Da es keinen eindeutigen Hinweis auf einen Nebenbuhler gibt, ist nun wieder der Grund für das Scheitern der Liebesbeziehung entzogen. Es geht bei der Begegnung mit dem Falken (und deren Schilderung) nicht um das Tier an sich, sondern um den subjektiven Wert dieses Erlebnisses für den Sprecher.
Der Falke scheint in anderiu lant durchaus glücklich zu sein. Er fliegt kunstvoll, und diese Beobachtung scheint den Sprecher zu freuen[67] (der kunstvolle Flug des Falken erinnert an Lacans Metapher der Tiefflugs für eine ethische Form der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, als eine Form des Genießens des Signifikanten[68]). Kein Schmerz über das Entfliegen des Falken sei hier ausgedrückt, argumentiert Jansen, im Gegenteil werde er mit Gold ausgestattet.[69] An dieser Stelle übersieht Jansen allerdings, dass dem Falkner während der Schmückung eventuell noch nicht klar ist, dass sein Falke in naher Zukunft entfliegen wird. Nichts spricht dafür, dass die Schmückung an die Bedingung des Besitzes gebunden ist, vielmehr scheint es Teil des Zähmungsrituals zu sein: Indem der Falke geschmückt wird, soll er eine Bindung zum Falkner aufbauen. Der Falkner im Lied hat es allerdings übertrieben, er wollte den Falken „über-zähmen“, deshalb musste sich dieser aus dem Abhängigkeitsverhältnis befreien.
Derridas Überlegungen gehen von dem Gefühl der Scham angesichts der eigenen Nacktheit aus, das der Mensch beim prüfenden Blick, regard reconnaissant, des (ebenfalls unbekleideten) Tiers empfinde. Der Mensch reflektiert nun diese Scham und schämt sich seiner Scham.[70] Die Nacktheit (bei gleichzeitigen Un-Bewusstsein um diesen Umstand) ist, wie bereits festgestellt, ein dem Tier zugesprochenes Charakteristikum. Das Tier ist nackt ohne es zu wissen. Der unbekleidete Mensch schämt sich einem Tier gegenüber, weil er sich nackt fühlt wie ein Stück „Vieh", er hat „honte d'être nu comme une bête“[71]. Das französische Wort für „bête“ bedeutet außerdem dumm; ist das Tier in seiner Nacktheit dumm, weil es und sein Genital, nicht durch Kleidung geschützt beziehungsweise versteckt wird?[72] "On croit généralement [...] que le propre des bêtes, et ce qui les distingue en dernière instance de l'homme, c'est d'être nus sans le savoir. Donc, de ne pas être nus, de ne pas avoir le savoir de leur nudité, la conscience du bien et du mal, en somme."[73] Nacktsein heißt nicht nur unbekleidet zu sein, sondern es verlangt auch ein Bewusstsein über diesen Zustand: „Dès lors, nus sans le savoir, les animaux ne seraient pas, en vérité, nus.“[74] Selbst wenn das Tier faktisch nicht bekleidet ist, so kann es doch niemals nackt sein, weil es sich dessen nicht bewusst ist. Der Mensch erscheint in dieser Logik als einziges Tier, das sich (be)kleidet. Er ist die Ausnahme, das einzige Tier, das ein Schamgefühl entwickelt hat. Diesem Schamgefühl des Menschen steht die Selbstverständlichkeit der Natur entgegen, die keine Nacktheit kennt: "Il n'y a pas de nudité 'dans la nature'. Il n'y a que le sentiment, l'affect, l'expérience (consciente ou inconsciente) d'exister dans la nudité. Parce qu'il est nu, sans exister dans la nudité, l'animal ne se sent ni se voit nu."[75] Die Natur kennt kein Schamgefühl, weil die natürlichen Wesen sich nicht durch den Blick des anderen sehen. Sie brauchen kein Gegenüber, um sich eine Repräsentation ihres Selbst zu konstruieren, und erst daraus entsteht das Schamgefühl: indem ein Wesen sich durch die Augen eines anderen wahrnimmt.
Derridas Überlegungen zum Schamgefühl des Menschen führen nun zu der Frage, woher das Bedürfnis nach Schmücken im Falkenlied stammt. Eine vorläufige These könnte lauten, dass sich der Falkner so stark mit dem Tier identifiziert, dass er sich in ihm spiegelt und es ihm als ein Spiegelbild und alter ego dient. Indem er den Falken schmückt, steigert der Spracher nicht nur den Wert des Tiers, sondern schmückt und vergoldet dadurch auch sich selbst: Das Schmücken wird damit zu einem narzisstischen Akt, bei dem das Tier zum Opfer der Kultivierungsbestrebens des Menschen wird.
got sende sî zesamene, die gelieb wellen gerne sîn! - Gibt es ein Happy End?
Der allgemeine Wunsch des letzten Verses nimmt eine wichtige Position im Gedicht ein. Die Aufgabe besteht also darin, seine Bedeutung für die zuvor geschilderten Handlung zu skizzieren. Grimminger, der das Lied als Elegie bezeichnet, interpretiert den allgemeinen Wunsch des letzten Verses wie folgt: Der subjektive Wunsch nach einer Utopie der Minne, die das leit in eine ewige Gegenwart der vröude verkehren möge ('so Gott will'), ist notwendige Antwort der Frau auf das Wiedersehen mit dem geliebten Partner.[76]
Bei der Formulierung der beiden letzten Verse handle es sich um eine fast wörtliche Übernahme der priesterlichen Segnungsformel aus der Brautliturgie, argumentiert Jansen[77], und erinnert an die jahrhundertelange Tradition, Liebesszenen, Verlobung und Hochzeit mit Vereinigungen aus der Tier und Pflanzenwelt zu vergleichen. Das Mädchen wird hierbei dargestellt als Blume oder Rebe, der Mann dagegen als Baum – wie beispielsweise im zuvor erwähnten ez stuont ein frouwe alleine. Das Motiv des Schmückens wie auch des Entfliegens findet Jansen genauso in der Hochzeit: Hier wird die Braut wird mit Gold geschmückt, woraufhin sich der Falke hoch in die Luft erhebt[78]. Der Text jedenfalls beantwortet nicht die Frage, ob es um eine Vereinigung im Jenseits oder in der Phantasie geht oder vielleicht sogar um die Negation einer Vereinigung. Indem die Brautliturgie im Zusammenhang mit dem Entfliegen eines Falken zitiert wird, suggeriert der Text eine Neu-Interpretation dieser Formel. Das Falkenlied bedient zugleich die Erwartungen seiner Leser, denn es macht die Liebe und den Liebesentzug zum Thema. Und in dieser Freiheit der Unterhaltung regt es zugleich an zu einem Bewusstsein über zeitgenössische Konventionen.[79]
Der Sprecher gewinnt zwar die Kontrolle über den Falken nicht zurück, dafür aber zumindest die Herrschaft über sich selbst.[80] Dem Akt des Aufbruchs des Falken folgt der Akt des Erkennens durch den Falkner.[81] Sein allgemeiner Wunsch bedeutet für die zuvor geschilderte Handlung, dass eine Rückkehr des Falken eine freiwillige Rückkehr in die Abhängigkeit wäre. Aber solange der Falke in Freiheit ist, bleibt dem Sprecher nur die Bewunderung des Vogels aus der Ferne: seines schœnen Fluges und seines Schmucks aus Gold und Silber, den Zeichen der vergangenen Liebe, die als Erkennungszeichen dienen und ihn sicher wissen lassen, dass dieser Falke derjenige ist, den er zuvor gezähmt hat.
Dabei handelt es sich eindeutig nicht um eine Hochzeit, denn die beiden Partner sind gegenwärtig voneinander getrennt, physisch wie auch emotional. Obwohl der Falke noch die Zeichen der Liebe trägt, so ist er doch gegenwärtig ungebunden. Er trägt weiterhin die seidenen Ketten als Zeichen der ehemaligen Unfreiheit, diese sind allerdings nun nur noch ästhetisch und erfüllen keinen Zweck mehr. Der Falke hat sich aus dem Zustand der Abhängigkeit vom Falkner gelöst, um zu seinem ursprünglichen Element der Freiheit zurückzukehren. Während er zuvor vom Menschen in einem Akt der Kultivierung mit Gold und Seide geschmückt und gleichzeitig domestiziert (oder wie Lacan sagen würde: „dhommestiziert“[82]) wurde, so schmückt ihn nun die Natur mit ihren eigenen Mitteln: zunächst das Abendrot, welches seinem goldenen Gefieder einen roten Schein verleiht. Weiterhin kommt aber auch seine eigentliche Falkennatur zum Vorschein, denn als er wieder in Freiheit ist, perfektioniert er sein Fliegen zu einer Kunst, es ist nicht mehr nur zum funktionsgebundenen Jagen bestimmt, sondern wird zum ästhetischen Selbstzweck.[83]
Und an dieser Stelle setzt eine poetologische Deutung des Falkenlieds ein: Während der Minnesänger von dem kunstvollen Flug des Falken singt, kann dieses Symbol gleich doppelt ins Konzept der hohen minne übertragen werden: Der Sänger singt hier nicht, um zu werben, auch wenn das größtenteils der Inhalt des Liedes ist. Aber Inhalt und Zweck divergieren: Bei der hohen minne geht es um nichts anderes als das gegenseitige Überbieten der Minnesänger in der Kunstfertigkeit ihrer Werbung. Indem er seine Dame in besonders hohen Tönen lobt, sichert sich ein Minnesänger das Ansehen seiner Kollegen und zugleich seine Stellung bei Hofe. Denn in der hohen minne ist die tatsächliche Schönheit der Dame nicht von Bedeutung, wichtig für das Ansehen war vor allem das Lob ihrer Tugend und Schönheit in den Versen der Minnesänger.
In der Schlussformel respektiert der Minnesänger die Freiheitsliebe des Falken. Statt eines Besitzanspruchs steht hier die Akzeptanz dieser Distanz. Der Sprecher gibt die Verantwortung ab an Gott, der die Liebenden zusammenführe, wenn sie denn zusammen gehörten. Damit ist eine Vorstufe zum Minnesang erreicht und gleichzeitig seine Voraussetzung geschaffen: Beide Geschlechter begegnen sich hier gleichberechtigt, beide übernehmen Verantwortung und ermöglichen die Realisierung einer neuen Liebeskonzeption; der hohen minne.
[1]De Beauvoir, S. 237, dt: Ihm gegenüber trifft der Mensch auf die Natur; er beeinflusst sie, er versucht, sie sich anzueignen. Sie kann ihn aber nicht erfüllen. Entweder verwirklicht sie sich nur als ein rein abstrakter Widerstand, ist Hindernis und bleibt Fremde; oder aber sie duldet widerstandslos das Verlangen des Menschen und lässt sich ihm anpassen; er besitzt sie nur, indem er sie verbraucht, das heißt, indem er sie zerstört.
[2] vgl. Bennewitz-Behr, S. 1 f.
[3] Grimminger, S. 118.
[4]vgl. Krohn, S. 17.
[5] Während viele Lacanianer zu Recht Vorbehalte habe gegenüber Derridas Kritik an der Psychoanalyse (wie u.a. in Carte Postale), werde ich mich im Folgenden v.a. auf seinen Text zum Tier beziehen.
[6]vgl. Schweikle, S. 369.
[7]Zumindest, wenn man sich an die Reihenfolge in Minnesangs Frühling hält. Als Grundlage für die folgende Übersetzung dient dagegen die Textfassung in Ingrid Kastens Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters von 2005.
[8] Natürlich ist eine Übersetzung des Falkenlieds immer zugleich eine Interpretation. Deshalb soll hier von keiner bestehenden Übersetzung ausgegangen werden. Die theoretischen Überlegungen werden stattdessen von Übersetzungsfragen geleitet, wie auch die Übersetzung von der Theorie bereichert wird. Somit wird auch an dieser Stelle keine für sich stehende Übersetzung mit Anspruch auf Alleingültigkeit entstehen, sondern eine dynamische Hypothese.
[9]vgl. Derrida, S. 17.
[10]vgl. Wapnewski, S. 28.
[11] Zur Arbitrarität der Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat, d.h. zur Autonomie des Signifikanten vgl. Lacan, Seminar III Die Psychosen, Kapitel XXI.
[12] Wie Lacan schreibt: erst mit der Kleidung entsteht die Nacktheit (vgl. Lacan, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse).
[13]Während die für den frühen Minnesang in den nördlichen Teilen Europas charakteristische Frauenklage ein Loblied auf die Qualitäten des (abwesenden) Mannes war, bestand die Trobadorlyrik des Südens im Lob der Dame. „Ich zôch mir einen valken“ nimmt hier eine Sonderstellung ein, es ist eine Art Zwischenstufe.
[14]Kasten, S. 111.
[15]Rieger, S. 178 f.
[16]Erfen-Hänisch, S. 146.
[17]So argumentiert auch Jansen, S. 591.
[18]Erfen-Hänisch, S. 147.
[19] vgl. Erfen-Hänisch, S. 148.
[20]Grimminger, S. 116.
[21] vgl. Jansen, S. 587.
[22]vgl. Kasten, S. 109.
[23]vgl. Friedrich Panzer: Der älteste Trobador und der erste Minnesinger 143, nach Kasten, S. 110.
[24]vgl. Bennewitz-Behr, S. 3.
[25]vgl. Bennewitz-Behr, S. 4.
[26]Derrida, S. 17, dt.: Wenn ich nun dieser Folge folge, dann müsste alles was ich mich anschicke zu sagen auf die Frage nach der Bedeutung von 'folgen' und 'verfolgen', und vom 'hinterher sein' zurückführen, und zu der Frage was ich mache, wenn ich bin und sage ich bin, wenn ich nun diese Folge bin, erkenne ich das 'menschlichen Ende' an, und damit die menschliche Grenze, auf dem Grenzübergang, zwischen Mensch und Tier. Indem ich die menschlichen Grenzen oder Ziele übergehe, begebe ich mich zum Tier: zum Tier an sich, zum Tier in mir und zum Tier, dem es an sich selbst mangelt.
[27] Alenka Zupančičs Lektüre von Nietzsches Bemerkungen zu Tier und Nacktheit weichen ab von der Derridas, vgl. „Tier und Mensch“ in Was ist Sex? Psychoanalyse und Ontologie, S. 173-189.
[28]zitiert nach Derrida, S. 17.
[29]Derrida, S. 17, übernimmt den Begriff von Nietzsche.
[30]Montaigne nach Derrida, S. 22: „S'en prenant à l'homme qui 'taille les parts aux animaux ses confrères et compagnons, et leurs distribue telle portion de facultez et de forces que bon luy semble'.“
[31]vgl. Derrida, S. 21.
[32]Derrida, S. 23, dt: Denn wenn das Tier denkt, dann kehrt sein Denken zur Dichtung zurück, so die Behauptung, und das ist es, was der Philosophie im Grunde vorenthalten bleibt. Es ist der Unterschied zwischen dem philosophischen Wissen und dem poetischen Denken.
[33]Wapnewski, S. 28.
[34]vgl. Schweikle, S. 370.
[35]siehe dazu Nordmeyers Interpretation, vgl. Schweikle, S. 369.
[36]vgl. Wapnewski, S. 35.
[37]vgl. Jansen, S. 585.
[38]vgl. Jansen, S. 586.
[39]vgl. Jansen, S. 593.
[40] Grimminger, S. 115.
[41]vgl. Ittenbach, S. 23.
[42]vgl. Ittenbach, S. 21 f.
[43] vgl. Ittenbach, S. 23
[44] vgl. Grimminger, S. 116.
[45]Grimminger, S. 117.
[46]Grimminger verwendet diese Bezeichnung durchgehend, weil die Autorschaft nicht eindeutig geklärt ist.
[47]vgl. Wapnewski, S. 28.
[48]vgl. Schmidt, nach Wapnewski, S. 31.
[49]vgl. Jansen, S. 593.
[50] Aus dem Brief des Kaufmanns Guilielmus Bottatius an Karl von Anjou, zitiert nach Fried, S. 93.
[51]Fried, S. 93.
[52]vgl. Derrida, S. 27.
[53] Derrida, S. 28.
[54] vgl. Derrida, S. 27.
[55]Derrida, S. 28.
[56]Derrida, S. 46, dt: Diese Unterwerfung [...] können wir als Gewalt bezeichnen, und zwar im neutralsten Sinne des Wortes.
[57]Derrida, S. 46, dt: in bestimmten [...] Fällen im Sinne oder zum Schutz des Tiers, meistens jedoch des menschlichen Tiers.
[58]vgl. Derrida, S. 46.
[59] Grimminger, S. 109.
[60] vgl. Wapnewski, S. 31.
[61]Wapnewski, S. 32.
[62]vgl. Wapnewski, S. 32.
[63]Wapnewski, S. 35.
[64]vgl. Wapnewski, S. 33.
[65]vgl. Grimminger, S. 107.
[66]Grimminger, S. 110.
[67]vgl Jansen, S. 593.
[68] Lacan, Television, S. 22: „The virtue that I designate as the Gay Science exemplifies it, by showing clearly of what it consists: not understanding, not a diving at the meaning, but a flying over it as low as possible without the meaning's gumming up this virtue, thus enjoying jouir] the deciphering, which implies that in the end Gay Science cannot but meet in it the Fall, the return into sin.“
[69]Jansen, S. 593.
[70]vgl. Derrida, S. 21: „avoir honte de sa propre pudeur“ und S. 18: „avoir honte d'avoir honte.“
[71]Derrida, S. 19.
[72]Derrida, S. 18.
[73]Derrida., S. 19, dt: Allgemein geht man davon aus, das eigenartige am Tiere, das was sie letztlich vom Menschen unterscheidet, sei, dass sie nackt sind ohne sich dessen bewusst zu sein. Dass sie nicht nackt sind, kein Wissen über ihre Nacktheit haben, kurz kein Bewusstsein über Gut und Böse.
[74]Derrida, S. 19, dt: Daher ist das Tier, das nackt ist ohne es zu wissen, in Wirklichkeit nicht nackt.
[75]Derrida, S. 20, dt: In der Natur gibt es keine Nacktheit. Es gibt nur das Empfinden, den Affekt, die (bewusste oder unbewusste) Erfahrung, in der Nacktheit zu existieren. Weil das Tier nackt ist ohne in seiner Nacktheit zu existieren, fühlt es sich weder nackt noch betrachtet es sich als nackt.
[76]Grimminger, S. 109.
[77]vgl. Jansen, S. 594.
[78]vgl. Jansen, S. 588 ff.
[79] vgl. Grimminger, S. 109.
[80]vgl. Wapneswki, S. 45.
[81]vgl. Wapnewski, S. 36.
[82] Hierbei liegt nahe, an Lacans Neologismus der ‚dhommestiques‘ (bzw. der ‚Dhommestizierung‘) zu denken: „This still leaves the category of homme-sick animals, thereby called domestics [d'hommestiques], who for that reason are shaken, however briefly, by unconscious, seismic tremors.“ Jacques Lacan, Television, p. 5.
[83] Vgl. Lacans Bemerkungen zu Minnelyrik und Sublimierung in Seminar VII: Die Ethik der Psychoanalyse.a
Literatur
verwendete Ausgabe
Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Text und Kommentar. Herausgegeben von Ingrid Kasten. Deutscher Klassiker Verlag: Berlin 2005.
Sekundärliteratur
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Sophia Léonard has an academic background in philology and cultural studies with a Ph.D. thesis from Cornell University exploring the experimentation with the limits of representability in image and language in biographical drama. Publication, editing and translation in the field of cultural studies and contemporary poetry. She works as a psychoanalyst in private practice in Berlin.

